Ad astra – In memoriam Christian Weis

1

 

per aspera ad astra
(in memoriam Christian Weis)

 

aus dem tod
kamst du

zum leben
gehst du hin

es berührt mich
wie kaum etwas
in der letzten zeit

ad astra
hörst du uns
alle rufen

resonanz des
guten

graviationswellengleich

worte in büchermeeren
und erinnerungswelten funkeln

erleuchten den gemeinsamen weg

zur unendlichkeit

 

(https://schreibkramundbuecherwelten.wordpress.com)

FedCon 2017

SJA_FedCon 2017

Parallel dazu auch wieder die SheepCon II in den gleichen Räumlichkeiten, mithilfe des Doktors um 0.5 Sekunden versetzt. KITT gesehen und wieder Hoffnung und Inspiration geschöpft.
„Live long and prosper!“ – „So say we all!“

GEGEN UNENDLICH – Phantastische Geschichten

gegen-unendlich-p-machinery-jpg
Awe/Fieberg/Pack (Hrsg.)
GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten
AndroSF 56, p.machinery – Michael Haitel, 216 Seiten, Paperback, ISBN 978 3 95765 079 5, EUR 9,90 (DE)

https://www.amazon.de/dp/3957650798/

Ein Querschnitt durch 11 Ausgaben von GEGEN UNENDLICH – Phantastische Geschichten, jetzt als Taschenbuch und eBook ( z.B. bei Amazon, Thalia, Weltbild + diverse).

Aus dem Inhalt:
Uwe Durst: Maleks Versteck, Michael J. Awe: Der Geisterfotograf, Ute Dietrich: Wahnsinnsstern, Malte S. Sembten, Autor: languerous@barron.feu, Barbara Hundgeburt: Spiegelbilder, Ambrose Bierce: Jenseits der Wand, Joachim Pack: Ödland, Norbert Golluch: Die virtuelle Familie, Peter Nathschläger: Menschen im Fels, Christian Weis: Das Blockhaus, Marc-Ivo Schubert: Eingesicht trifft Zweigesicht, Uwe Hermann: Der Einfänger, Michael Siefener: Das Erbe, Jörg Isenberg: Adams Blut, Hubert Katzmarz: Der Physiker und die magischen Steine, Julius Long: Der bleiche Gast, Monika Niehaus: Jenseits der Sterne, Andreas Fieberg: Das Lunarium, Fernando Sorrentino: Da ist ein Mann, der die Gewohnheit hat, mir mit einem Schirm auf den Kopf zu schlagen, Silke Jahn-Awe: Tank 142

Das schöne Titelbild ist von Stefan Böttcher und kann auch bestellt werden.

Kritiken:

derStandard.at
http://derstandard.at/2000056316406/Rundschau-Es-war-doch-nicht-das-letzte-Einhorn?_slide=11

Andromeda Nachrichten (S. 94)
http://www.sfcd.eu/download/pubs/an201-300/an257open.zip

Miss Louisa und Mr. Kawombel

(A tribute to Alan Rickman)

Das kleine Vakuumschiff setzte auf der weißen Planetenoberfläche auf. Miss Louisa packte ihren Haarzähmer, und legte ihn mitsamt der Holovorlesung ihres Vaters über Sphärenharmonie und einer großen Packung Sternstaubkekse obenauf in ihr Körbchen. In ihrem Bauch brodelte die Vorfreude, sich ein weiteres Haus zu eigen zu machen. Sie wurde dafür bezahlt. Sie passte auf, wenn die eigentlichen Bewohner verreisten.

Dieses Mal enthielt der Vertrag allerdings eine kleine Besonderheit. Ihr wurde nicht nur ein Haus anvertraut, sondern gleich ein ganzer Planet. Renovatio. Herr AR, der Eigentümer, hatte sie vor vierundzwanzig Tankzyklen über die Familienagentur gebucht. Da Winter wäre, würde sich Renovatio in seinem kleinstmöglichen Zustand befinden. Der Planet zog sich in regelmäßigen Zyklen im Winter zusammen, im Sommer wurde er gedehnt. Die Gezeitenphänomene wären sehr stark. Herr AR hatte im Bemerkungsfeld ›Besonderheiten‹ darauf hingewiesen, damit die dementsprechenden Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden konnten, aber das wäre nicht notwendig gewesen. Alle Schiffe der Flotte waren mit Gezeitenschutzschilden versehen.

Sie schaltete das Schiff auf Standby. Dann nahm sie ihr kleines Reisekörbchen in den Arm und griff zu ihrer buntgemusterten Handtasche. Doch kaum hatte sie die Tasche berührt, tönte aus ihr ein Grollen, das ganz nach einem xenthanischen Radargewitter klang. Sie verzog unwillig den zartrosa geschminkten Mund. Konnte es nicht einmal ohne Probleme gehen? In der Tasche rumorte es dumpf.

»Seien Sie ruhig!«, krächzte Miss Louisa.

Sie boxte einmal kurz gegen die Seite der Tasche. Sofort grollte es als Antwort noch lauter aus dem Inneren zurück. Miss Louisa seufzte und öffnete den Reißverschluss. Kaum war die Tasche auch nur ein kleines Stückchen offen, schossen zwei Fühler heraus. An ihren Enden saßen pinkfarbene Augen, die wild um sich schauten. Das eine nach rechts, das andere nach links, sie starrten sich für einen Moment lang gegenseitig an, und dann, nun ja, sie! Miss Louisa starrte zurück, das war das Einzige, was half. Bloß keine Schwäche zeigen, sonst konnte Schlimmes passieren.

»Mr. Kawombel, ich habe die Nase langsam voll! Wie lange trage ich Sie jetzt schon in der Tasche durch die Universen? Und Sie wollen mir jetzt ernsthaft weismachen, dass Sie sich daran immer noch nicht gewöhnen konnten?«

Die Fühleraugen starrten sie weiter an. Miss Louisa kannte Mr. Kawombels Marotten schon lange, hatte ihn vor etwa 142° Megaversumdrehung davor bewahrt, in einer Suppe zu landen. Sie bereute es genau dann, wenn er ihr solche Szenen machte. Eine aus der Art geschlagene, fette Babbelschnecke war wirklich schwer zu bändigen. Aber Mr. Kawombel übersetzte zuverlässig, das konnte man nicht von allen Babbelschnecken behaupten. Normale Babbelschnecken saßen zwar im Ohr, aber Mr. Kawombel war etwas größer als ihr Kopf. Also trug sie ihn in der Handtasche durch die Gegend. Sie störte das nicht, Mr. Kawombel manchmal schon.

Miss Louisa ignorierte Mr. Kawombels Dauergrollen, verließ das Schiff und schaute in die tiefstehende Sonne. Es war ein überwältigender Anblick, Herr AR hatte nicht übertrieben. Am Himmel standen neben der Sonne noch drei weitere Objekte. Es gab einen Kometen ohne Schweif und einen schmutzigroten, knolligen Mond, der Renovatio umkreiste. Dann stand zwischen der Sonne und Renovatio ein gelbgrüner Riesenplanet knapp über dem Horizont. Er war wohl hauptsächlich für die Gezeitenphänomene verantwortlich, Renovatio umkreiste ihn auf einer stark elliptischen Bahn, hatte der Schiffscomputer verraten. Mr. Kawombels Augen waren jetzt faustgroß vor Staunen.

Miss Louisa schlitterte vorsichtig über den gefrorenen Boden zum Haus. Sie hätte auch mithilfe ihrer großen Flügeln fliegen können, aber sie ließ es sein, da Mr. Kawombel davon immer schlecht wurde. An der Haustür gab sie den fünfunddreißig Ziffern und Symbole umfassenden Code ein, den Herr AR ihr übermittelt hatte. Alles verlief nach Plan. Das Innere des Hauses sah noch schöner aus, als auf den Bildern. Es war hell und gemütlich, es gab große Lichtschächte, Fenster und sogar ein Regal mit echten Büchern aus Papier.

Routiniert packte Miss Louisa ihren Korb aus, legte alles in der bewährten Sortierung auf dem kleinen Couchtisch aus. Was persönliche Dinge anging, hatte es sich in einer fremden Wohnung bewährt, sich nicht über eine Fläche von einem Quadratmeter hinweg auszubreiten. Mr. Kawombel setzte sie vor das Wohnzimmerfenster auf seine Waldbodendecke. Sie besprühte die Erde und das Moos mit Wasser aus der Blumenspritze von der Fensterbank. Mr. Kawombel hatte sich sofort in sein Haus zurückgezogen. Er brauchte viel Ruhe und würde wohl bis tief in die Nacht hinein schlafen.

Neugierig wanderte Miss Louisa durch das Haus, das war der spannendste Teil des Aufenthalts. Meist hielt sie zuerst nach Bildern Ausschau, versuchte herauszufinden, wie ihre Auftraggeber aussahen. Im Haus von Herrn AR befanden sich zwar keine Bilder, aber alles war schön eingerichtet, Herr AR besaß Stil. Es gab kein Teil zu viel, keins zu wenig, Bad und Küche waren sauber, der Kühlschrank für sie und Mr. Kawombel gefüllt. Letzteres war Teil des Vertrags, aber es war unglaublich, wie viele sich nicht daran hielten. Gedankenverloren blieb Miss Louisa vor dem altertümlichen Bücherregal stehen und betrachtete die Bücher. Da Mr. Kawombel schlief, konnte sie nichts davon lesen. Also zog sie sich mit der Vorlesungen über Sphärenharmonie auf das Sofa zurück, nahm einen Schluck Tee und schob sich einen halben Sternstaubkeks in den Mund.

Als es draußen schon dämmrig war, hörte sie plötzlich ein Geräusch. Es war das typische Kawombelgleiten. Oft nahm sie es schon gar nicht mehr wahr, so vertraut war es ihr. Ein feines, leises Geräusch, wie Sand auf Holz, begleitet von einer gehörigen Portion Schleim. Miss Louisa hob den Blick. Da saß die fette Babbelschnecke mitten auf dem polierten Esstisch und beäugte einen kleinen, grünen Kristall vor ihrem Fuß. Wo hatte das kleine Miststück den aufgetrieben?

»Mr. Kawombel?«, versuchte sie mit ihm zu reden. Aber er hörte ihr nicht zu. Stattdessen begannen seine Augen gierig zu leuchten. Miss Louisa wusste, was das hieß. Beute!

»Mr. Kawombel!«, schrie sie, »NEIN!«

Aber es war zu spät, der Raubtiercharakter trat zutage. Mr. Kawombel bleckte seine lange Raspelzunge, er war nicht mehr aufzuhalten. Obwohl Miss Louisa auf den Schreibtisch zustürzte, näherte sich Mr. Kawombels Zunge wie in Zeitlupe langsam und genüsslich dem kleinen, grünen Kristall. Mit einem zielgerichteten Happs war das Kleinod weg. Miss Louisa stöhnte aus den tiefsten Tiefen ihrer dritten Lunge und schlug wütend mit der schmalen Hand auf den Tisch. Mr. Kawombels Fühleraugen schauten sie herausfordernd an, und sein Mund verzog sich zu einem heimtückischen, triefenden Grinsen. Er schluckte.

Miss Louisa wankte zurück und fiel rücklings auf das Sofa.

»Und wie soll ich das Herrn AR erklären? Wissen Sie, in was für eine Lage mich das bringt?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

Mr. Kawombel legte den Kopf schief, seine Fühler zeigten weiterhin schnurgerade nach oben. Miss Louisa verspürte eine unbändige Lust, ihn in den Salzkasten der Entsalzungsanlage auf ihrem Schiff zu schmeißen. Sie atmete tief durch. Nein, dachte sie, ich brauche ihn, mit einer normalen Babbelschnecke käme ich nicht klar. Mr. Kawombels Gehirn war groß. Er beherrschte etwa 398000 Sprachen mehr, als seine kleineren Artgenossen, und er lernte beständig neue, schwierige Sprachen dazu.

Miss Louisa kam nicht mehr dazu, weiter nachzudenken. Ein schriller Alarm schreckte sie auf, ihre Trommelfelle schrien. Vor dem Haus huschten rote Scheinwerferlichter auf und ab, etwas Unsichtbares kratzte an der großen Wohnzimmerscheibe. Mr. Kawombel verschwand in seinem Haus. Sie hatte kein Haus. Also blieb es an ihr hängen etwas zu tun!

Grad wollte sie von dem Sofa aufspringen, da wurde die Wohnzimmerscheibe eingeschlagen. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht. Jemand lief im Raum umher, aber sie konnte niemanden sehen. Ein roter Energieimpuls wurde auf sie abgefeuert. Er durchdrang lawinenschwer ihren Körper, machte sie augenblicklich bewegungsunfähig. Sie sah, wie die Tischplatte und Mister Kawombel ebenfalls von dem roten Licht getroffen wurden. Der Unsichtbare schien etwas zu suchen, sein Tempo wurde immer höher.

Miss Louisa spürte, dass langsam wieder Leben in ihren Körper kam. Vorsichtig nestelte sie an der rechten Tasche ihres Kleides, ihre Finger schlossen sich um kühles Metall. Der Spezialschraubenschlüssel, mit dem sie im Notfall die Hilfsluke zu ihrem Schiff öffnen konnte, wenn die Technik der Hauptluke versagte. Sie trug ihn immer bei sich. Der Schlüssel hatte ihr schon oft in den unmöglichsten Situationen geholfen. Jetzt warf sie ihn mit aller Kraft dorthin, wo sie den Kopf des Eindringlings vermutete. Sie traf, wie sie einem hochfrequenten Stöhnen entnahm, aber der Unsichtbare ging nicht zu Boden, sondern sprang aus dem Fenster nach draußen in die Kälte zurück. Rote Lichter erhoben sich in die Luft, der Wind zog an den lichten Gardinen.

Miss Louisa stand schwer atmend auf. Aus ihrem Augenwinkel sah sie plötzlich einen schwarzen Schatten in der Schlafzimmertür, das Herz blieb ihr beinahe stehen. Sie rannte zum Fenster, hob ihren Schraubenschlüssel auf und drehte sich um. Es war doch nur ein Dieb durch das Fenster gekommen! Hatten ihre Sinne sich so sehr getäuscht? Aber einen Schatten konnte man immerhin einfacher treffen, als etwas Unsichtbares. Beherzt holte sie zum Wurf aus. Dann materialisierte sich der Schatten zu etwas Festerem. Miss Louisa erkannte, was es war, und erstarrte mitten in der Bewegung.

In der Tür stand ein Herr in einem halblangen, schwarzen Mantel. Er lehnte am Türrahmen, hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Haar war graumeliert, die Nase groß, die Oberlippenbögen perfekt geschwungen. Wie lange stand er schon da? Was hatte er gesehen?

Schnellen Schrittes durchmaß er den Raum. Miss Louisa wich vor ihm zurück. Dann zog der Mann sich den Mantel aus, hängte ihn mit elegantem Schwung über den Stuhl am Tisch, und stützte sich mit den Händen auf die Stuhllehne. Miss Louisa stand immer noch wie angewurzelt da und schaute auf seinen Rücken.

»Was ist hier … los?«, fragte der Mann langsam.

Miss Louisa lief ein Schauder über die Knie. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob es Angst war oder wohlige Faszination. Nicht einmal Mr. Kawombels missmutigstes Übersetzergrollen kam in so schöne, tiefe Tonlagen. Tränen wollten fließen, und die rudimentären Federkiele auf ihren Armen und zwischen den Schulterblättern stellten sich auf, ihr ganzer Körper begann zu kribbeln.

»Sind sie Herr AR?«, fragte sie leise.

»Wonach sieht es denn aus? Nach der Haushüteraufsichtsbehörde?«, fragte der Mann etwas ungehalten zurück, und krempelte sich die Hemdsärmel hoch. »Natürlich bin ich Herr AR, wer sollte ich denn sonst sein? Der Alarm ist losgegangen, weil so ein verdammter Idiot die Scheibe zu meinem Haus eingeschlagen hat. Ich wäre wirklich gern noch etwas länger fortgeblieben.« Herr AR schlich kreisförmig um den Esstisch herum, auf dem Mr. Kawombel saß. Er fixierte die Schnecke mit zusammengekniffenen, dunklen Augen. Die pinkfarbenen Fühleraugen folgten ihm.

Mit einer Schnelligkeit, die Miss Louisa nicht für möglich gehalten hatte, stürzte Herr AR plötzlich nach vorn, packte Mr. Kawombel, und begann ein Gedicht zu rezitieren. Ein Gedicht! Das allein war schon merkwürdig. Noch merkwürdiger allerdings war, dass Mr. Kawombel mitten im Satz aufhörte zu übersetzen und komplett aus dem Schneckenhaus herauskam. Sein grollendes Geschimpfe mutierte zu einem rhythmischen, leisen Schnurren, sein hellblauer Kriechfuß zitterte wellenförmig im Takt. Miss Louisa hielt den Atem an. Da Mr. Kawombel den telepathischen Übersetzerdraht gekappt hatte, verstand sie nicht mehr, was Herr AR sagte, und sie würde mit ihm auch nicht in seiner Sprache sprechen können. Was passierte hier? War Herr AR wirklich Herr AR?

Herr AR rezitierte weiter, seine Stimme perlte weich wie plejadischer Samt. Er kraulte Mr. Kawombel an seinem langen Fuß, und Mr. Kawombel bäumte sich auf, seine Fühler drehten sich umeinander. Dann fiel der Körper der Babbelschnecke schlaff in sich zusammen.

Miss Louisa stürzte neben Herrn AR an den Tisch und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Herr AR schaute auf sie hinunter, zog den rechten Mundwinkel hoch.

Mr. Kawombel rührte sich zuerst nicht, aber nach drei Atemzügen erwachte er langsam wieder zum Leben. Erst hob sich ein Fühler von der Tischplatte, dann der andere. Langsam hob Mr. Kawombel den Kopf, er verzog angewidert den Mund. Dann streckte er seine Raspelzunge heraus, würgte ein paar Mal, schüttelte sich heftig und spuckte seinen Mageninhalt quer über den ganzen Tisch.

»Na also, funktioniert doch! Meine Stimme hat noch jede Babbelschnecke … trunken gemacht.«

Mr. Kawombel übersetzte wieder, wenn auch nicht ganz synchron. Herr AR stocherte mit dem Zeigefinger in dem Schleim auf der Tischplatte. Dann fischte er mit spitzen Fingern den kleinen, grünen Kristall heraus, und putzte ihn mit einem weißen Spitzentaschentuch trocken, drückte ihn schnell an seine Stirn. Ein violettes Licht verschwand vom Kristall aus in Herrn ARs Kopf, auf seinen Lippen lag ein sanftes Lächeln. Alles wirkte plötzlich sehr ruhig. Miss Louisa traute sich nicht, etwas zu sagen.

Irgendwann streckte Herr AR seinen Rücken und ließ den Kristall in seiner Westentasche verschwinden. Er trat ans Fenster und drückte einen kleinen Knopf. Die Glassplitter vom Boden erhoben sich, verschmolzen an der richtigen Stelle wieder zu einer neuen Scheibe.

»Selbstreparierendes Glas«, erklärte Herr AR. Mit offenen Armen kam er auf sie zu und hielt ihr die rechte Hand entgegen. »Verzeihen Sie mir, ich bin noch gar nicht dazu gekommen, Sie richtig zu begrüßen, Miss Louisa!«, sagte er mit dieser perfekten Stimme, die ihr immer noch wohlige Schauer bescherte. »Herzlich willkommen auf Renovatio. Ich muss mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen!« Er deutete einen Handkuss an, der in manchen Teilen dieser Galaxis wieder in Mode gekommen war.

»Mr. Kawombel hätte den Kristall niemals fressen dürfen«, antwortete sie. Jetzt war sie sich sicher, dass Herr AR wirklich Herr AR war. Und sie konnte ihm beim besten Willen nicht böse sein, hatte eher Angst davor, dass er ihr etwas nachtragen würde.

Herr AR drückte kurz ihren Arm. »In dem Fall war es das Beste, was passieren konnte!«, beruhigte er sie. »Der Dieb wusste, wonach er suchen musste, aber im Körper einer Babbelschnecke konnte er den Kristall wohl mit seinem Scanner nicht sehen. Wir behalten das besser für uns, sonst werden Babbelschnecken bald als Safes gehandelt. Das wäre für die Tierchen sehr … unschön.« Er schaute auf den Tisch. »Na, Mr. Kawombel, dass Ihnen das alles nur nicht zu Kopf steigt. Sie haben vorsätzlich gehandelt, haben den Dieb schon vorher über ihren telepathischen Draht geortet, oder?« Er kraulte Mr. Kawombel am Kopf.

Miss Louisa starrte die Babbelschnecke an. »Ist das wahr?«, fragte sie ungläubig.

Mr. Kawombel ließ die Fühler seitlich hängen, also hatte Herr AR ins Schwarze getroffen. Sie war sprachlos.

»Babbelschnecken spielen gern heimlich. Sie wissen, dass ihre Heimatgalaxie Canis Major bald der Milchstraße einverleibt wird, das lässt sie den Ball flachhalten.«

Miss Louisa sah Herrn AR fasziniert an. Die Babbelschnecken stammten alle aus der Canis Major-Region? »Woher wissen Sie das alles?«, fragte sie.

»Sagen wir so, ich habe genügend Exemplare beobachtet.«

Sie schwiegen für einen Moment, doch dann siegte die Neugierde in Miss Louisa.

»Warum war der Kristall so wichtig für Sie?«

Herr AR wurde plötzlich ernst. »Hat die Agentur Ihnen das nicht mitgeteilt? Ich hatte sie darum gebeten, die Post anzukündigen und den Sachverhalt darzustellen, damit Sie sich nicht erschrecken. Auf dem Kristall sind die Aufzeichnungen meiner letzten Reise, all meine Gedanken, Gefühle, Bilder, Erinnerungen. Ich hatte Angst, dass sie auf der Rückfahrt verloren gehen könnten, deshalb habe ich sie auf einem Weg vorausgeschickt, der mir sicher erschien. Leider hat der Kristall dann wohl doch Begehrlichkeiten geweckt. Es gibt viele, denen es an Lebensessenzen mangelt, und die ein Vermögen dafür ausgeben würden.«

»Das muss eine besondere Reise gewesen sein, wenn Sie sich solche Mühen gemacht haben, die Daten zu sichern. Schade, dass Sie vorzeitig zurückkommen mussten.«

Herr AR sah sie nachdenklich an, dann nickte er sachte mit dem Kopf. »Ja, es war eine sehr schöne, ausgefüllte Zeit mit wunderbaren Menschen. Der Abschied ist mir schwergefallen, vor allem von meiner Frau.«

»Ihre Frau? Waren sie auf Hochzeitsreise?«, fragte Miss Louisa erstaunt, biss sich dann aber auf die Lippe. Das alles ging sie wirklich nichts an.

Herr AR warf den Kopf seitlich zurück, dann schüttelte er den Kopf und lachte. »Nein, sie haben es immer noch nicht verstanden, Miss Louisa, oder? Naja, Sie sind noch jung. Ich bin Schauspieler und die Reise war mein neuntes Leben! Aber jetzt bin ich erst mal wieder hier und genieße die Zeit.«

Miss Louisa starrte Herrn AR mit großen Augen an. Jetzt zweifelte sie an seinem Verstand. Auf der anderen Seite wirkte er ganz und gar nicht verrückt. Lebensessenzen … das erinnerte sie ein bisschen an den Heiligen Gral der Motive. Der Gral der Motive war fiktiv. Hohe Sphärenmusiktheoretiker, darunter auch ihr Vater, stritten darüber, ob er alles enthielt oder nichts. Komposition war Formgebung, Formen waren Klang, und Klänge vereinen sich zum Geist. Sie passte auf ein Haus auf, aber war es wirklich nur ein Haus? Hatte das der Vater mit seinen ganzen Tiraden über den Sinn des Familienberufes gemeint? Die Erkenntnis traf sie tief, wobei sie eher einem Bauchgefühl folgte, als dass sie das alles wirklich verstand.

»Ich bin sehr froh, dass Sie hier sind«, flüsterte Herr AR. »Wenn die Informationen auf dem Kristall gestohlen worden wären, dann wäre mein Schatten verschwunden, und der seelenlose Dieb hätte … ja, was eigentlich?« Herr AR hatte keine Antwort. Er räusperte sich unsicher, hatte sich aber schnell wieder gefangen. »Seelenkristalle sind für Babbelschnecken kleine Leckerbissen, nicht wahr? Ihr könnt ihnen nicht widerstehen. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich Dich glatt für einen Komplizen des Diebes halten.« Er kraulte Mr. Kawombel seitlich an seinem Hals. Mr. Kawombels Augen verdrehten sich, das brachte Herrn AR zum Lachen. Dann sah er Miss Louisa wieder an. »Wo ich jetzt herkomme, würde man Sie einen Engel nennen.«

Miss Louisa schaute beschämt zu Boden. Von Engeln hatte sie einmal in der Nähe des Planeten Erde gehört, aber sie? Ein Engel? Nie im Leben!

»Na kommen Sie, die Ähnlichkeit ist doch verblüffend: langes, blondes Haar, dunkelblaue Augen, violetter Lidschatten, Flügel, eine Handtasche. Babbelschnecken mögen übrigens nichts Buntgemustertes, wussten Sie das?«

Miss Louisa schaute an ihrem langen, weißen Kleid hinunter. Sie war kein Engel! Ihr Kleid war nicht bunt, es hatte auch kein Muster. Wusste Herr AR eigentlich von ihren drei Lungen? Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Die Handtasche! Sie schaute zu Mr. Kawombel. Der aber guckte, ganz vom vorbeiziehenden Mond fasziniert, aus dem Fenster.

»Ich freue mich auf jeden Fall, dass Sie und Mr. Kawombel so gut auf mein Haus und den Kristall aufgepasst haben. Auch wenn ich jetzt schon viel eher zurückgekommen bin, bekommen Sie Ihr Honorar selbstverständlich für die ganze ausgemachte Zeit. Ich würde Sie gern wieder buchen, wenn ich verreise«, sprach Herr AR weiter, er hatte ihre Verlegenheit wohl bemerkt. »Und wenn Sie Zeit und Lust haben, würde ich Sie vorher gern auf Tee und Kuchen einladen. Wie wäre es in 0.15°? Dann ist Sommer und Renovatio hat seine volle Größe erreicht. Selbst wenn wir 10° lang immer in dieselbe Richtung liefen, würden wir ihn noch längst nicht umrundet haben. Aber ein paar kleinere Ausflüge könnten wir machen. Zu einem der großen Grabensysteme oder den Eruptionsspalten und Vulkanen. Das ist auch für mich immer wieder spannend. Jeden Sommer und vor allem nach jeder langen Reise sieht es hier ganz anders aus. Wir könnten auch zum Tanz auf den Riesenplaneten reisen. Dort kenne ich einen jungen Mann in ihrem Alter, der wäre vielleicht etwas für Sie. Oder wir machen einen größeren Ausflug zu MyCn18, dem Uhrglasnebel, da sieht man angeblich die Ewigkeit.«

Miss Louisa war völlig überwältigt, irgendwie fühlte sie sich auch beschwingt. Die Ewigkeit gab es zwar noch nicht, aber hatte sie das richtig verstanden, Herr AR wollte sie wiedersehen? Er lud sie ein? Das hatte noch kein einziger ihrer Auftraggeber getan. Wobei Herr AR der Erste war, den sie wirklich persönlich kennenlernte, vielleicht war deshalb alles so anderes. Für den Bruchteil eines Atemzugs überkam sie das seltsame Gefühl, dass sie sich schon lange kannten, aber das war absurd. Herr AR zog die Augenbrauen hoch. Sie hatte ihm immer noch nicht geantwortet.

»Ich komme gerne wieder vorbei!«, hauchte sie schnell, um ihn nicht länger warten zu lassen.

Herr AR strahlte über das ganze Gesicht, auf seiner großen Nase kräuselten sich ein paar kleine, waagerechte Fältchen. Er reichte ihr ein Buch. Short course – BEnglish für Zeitenbummler.

»Schön, dann können sie sich bei ihren nächsten Flügen die Langeweile mit meiner Sprache vertreiben. Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass Mr. Kawombel für Übersetzungen jedweder Art dann nicht zur Verfügung stehen wird, wenn wir den Schneekuchen essen, den ich gleich … backe.« Herr ARs Lächeln war mit dem letzten, fast schon geraunten Satz ein bisschen spöttisch geworden, aber seine Augen strahlten Miss Louisa um so herzlicher an. Sie musste lachen und bemerkte, dass Mr. Kawombels Fühler sich merkwürdig aneinanderrieben. Da musste sie noch mehr lachen. Sie nickte und gab Herrn AR ihr Einverständnis, während sie sich voneinander verabschiedeten.

Als sie mühsam über das Eis zum Schiff zurückschlitterte, konnte Miss Louisa dann nicht länger widerstehen. Sie breitete ihre großen, goldglitzernden Flügel aus, schlug sie kräftig aus und spürte, wie ihre Füße den Boden verließen. Mr. Kawombel in ihrer Tasche blieb ruhig, das war sehr selten. Endlich konnte sie einmal das Gefühl zu Fliegen ungestört genießen. Sie sollte das häufiger tun, es war einfach schön!

Auf halbem Weg zu ihrem Schiff drehte sie sich noch einmal um und winkte Herrn AR zu. Den Kragen seines langen, dunklen Mantels hatte er hochgeschlagen, sein Schal flatterte leicht im Wind. Er winkte zurück und rief ihr etwas zu, aber sie war schon zu weit von ihm entfernt. Durch den Wind hindurch kam nur noch etwas wie » … kärfull« bei ihr an. Sie freute sich jetzt schon auf das Wiedersehen mit ihm. Bis 0.15° war es nicht mehr lang, nur zehn kleine Abstecher verteilt über das ganze Megaversum lagen dazwischen. Sie musste unbedingt mit ihm über Sphärenmusik reden. Ob Herr AR wusste, dass die durchschnittliche Frequenz seiner Stimme eine zweiunddreißigfach oktavierte Form des hypothetischen, tiefen Universaltons des Megaversums war?

Im Inneren des Schiffes machte Miss Louisa alles zum Abflug bereit, kappte die Leinen, und gab die nächste Adresse im Sternsystem Alpha Ursae Minoris in den Autopiloten ein. Dann setzte sie sich auf ihre weiße Couch, nahm das neue Buch zur Hand. Mr. Kawombel kroch aus der Handtasche. Sie einigten sich darauf, dass er sich bei nächstbester Gelegenheit selbst eine Handtasche aussuchen durfte, in der sie ihn durch die Gegend tragen würde. Mr. Kawombel verzog sich in sein Haus. Er wirkte immer noch benommen, aber in einem waren er und sie sich ausnahmsweise einmal einig: Der Aufenthalt auf Renovatio war außergewöhnlich gewesen. Und sie hatten den spannendsten Job der Zeit!

Sheep Legends – Die goldene Nacht

sja_christmas-sheep

die legende vom kleinschaf

es ward ein kleinschaf geboren
mitten im rauen all
es hatt einen weißen pelz
der kälte zu trotzen
im weiten winterkobelwald

mit goldnen flügeln
erhob es sich in den ätherwind
fliegt durch unendliche weiten
aller zeiten
als ewigweises kind

es bringt glück
liebe
und ein
friedliches
miteinander

es ist in allem
und
alles ist gut

immerdar